Eric Topol: Deep Medicine

Eric Topol: Deep Medicine

Eric Topol
Übersetzung: Guido Lenz
Deep Medicine: Künstliche Intelligenz in der Medizin. Wie KI das Gesundheitswesen menschlicher macht.

1. Auflage
2020, 334 Seiten, Broschur
mitp-Verlag
ISBN: 978-3-7475-0095-8

Informationen zum Buch im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.



Kurzweilig präsentiert Eric Topol in seinem Buch Deep Medicine die Fortschritte der letzten Jahre im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) im Allgemeinen und der KI im Applikationsbereich der Medizin im Speziellen. Er lotst dabei den Leser mit sicherer Hand durch ein Meer von technischen und medizinischen Begriffen, von Produkt- und Firmennamen, bleibt dabei aber trotzdem fokussiert und verständlich.
Auch wenn man daran zweifeln kann, dass die KI in der Medizin die vom Autor erhofften Wirkungen entfalten wird, ist es Eric Topol gelungen ein spannendes Buch über KI in der Medizin zu schreiben, das von einer zutiefst humanistischen Weltsicht zeugt und das den Leser zum Denken anregt.


Inhalt und Struktur

Dass auch einem weltbekannten Mediziner nicht unbedingt eine präferenzielle Behandlung durch eine „Medizin [die in den letzten vierzig Jahren] nicht nur irgendein Big Business geworden [ist], sondern sogar das größte Business in Amerika überhaupt“ (S. 258) erteilt wird, erfährt der Leser gleich am Anfang des ersten Kapitels. Durch diese einführende Geschichte und zwei weitere, die ihr folgen, werden Herausforderungen im amerikanischen Gesundheitswesen hervorgehoben: Zeitmangel, wachsende Komplexität, Empathielosigkeit. Unterstützung durch KI bietet sich für den Autor des Buches Deep Medicine als Chance dar.

Topol präsentiert das amerikanische Gesundheitssystem als eine Monstrosität, in der die ärztliche Tätigkeit zur „Fließbandarbeit“ (S. 261) degradiert wurde, der Patient als Mensch sekundäre Bedeutung hat, unnötige Eingriffe und Fehldiagnosen an der Tagesordnung sind und alles durch eine unglaubliche Bürokratie und Gefühlslosigkeit gekennzeichnet ist – kurz ausgedrückt handelt es sich dabei um „Shallow Medicine.“ Kein Wunder, dass Ärzte oft unter Burnout und Depressionen leiden und drei- bis vierhundert von ihnen jährlich Selbstmord begehen (vgl. S. 34f. und S. 259). Dass man angesichts solcher Zustände nach Wege zur Besserung sucht, ist selbstverständlich.

In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl diagnostischer Verfahren stark gestiegen, damit ging auch die Vergrößerung der Datenbasis, die für einen Patienten zur Verfügung steht, einher. Dass Menschen eher schlecht bei der Beurteilung von Daten sind und ihr Denken durch kognitive Verzerrungen geprägt ist, haben Daniel Kahneman und Amos Tversky in vielen Studien eindrucksvoll nachgewiesen. Wenig verwunderlich werden die Ergebnisse der beiden Kognitionsforscher im dritten Kapitel Medizinische Diagnose immer wieder erwähnti. Diese menschliche Schwäche lässt den Wunsch nach einer unermüdlichen, objektiven KI wach werden.

Im vierten Kapitel fasst der Autor die Geschichte der KI zusammenii und widmet sich dem aktuellen Stand der Dinge, der durch beeindruckende Ergebnisse KI-gestützter Tools in Bereichen wie Mustererkennung, Übersetzung und automatisiertes Fahren gekennzeichnet ist. Die Probleme der KI sind jedoch vielfältig (diesen widmet sich das fünfte Kapitel) und umfassen Datenschutz und Sicherheit aber auch Verstärkung der bestehenden sozialen Ungleichheiten durch das Antrainieren der KI-Algorithmen mit verzerrten Daten. Ethische Probleme und potenzielle negative Änderungen am Arbeitsmarkt sind auch nicht von der Hand zu weisen.

Nichtsdestotrotz haben KI-Algorithmen in vielen Bereichen des Gesundheitswesens erfolgreich Einzug gehalten. Topol unterscheidet in den Kapiteln sechs und sieben zwischen ärztlichen Spezialisierungen, bei denen Mustererkennung eine sehr wichtige Rolle spielt (z.B. Radiologie und Dermatologie) und solchen, bei denen das nicht der Fall ist: „Kliniker ohne Muster“ werden sie genannt (z.B. Onkologie, Chirurgie und Ophthalmologie). All diese profitieren von den Fortschritten der künstlichen Intelligenz. Kapitel acht widmet sich den Einsatzmöglichkeiten der KI in der Psychologie.

Im neunten Kapitel betrachtet der Autor die Implikationen der KI für das Gesundheitswesen. Dass diese groß sein können und sowohl Chancen als auch Risiken bergen, dürfte selbstverständlich sein. Topol geht in diesem Kapitel auch auf das Beispiel des Mercy Hospitals in St. Louis ein, welches „das erste virtuelle Krankenhaus in den Vereinigten Staaten“ (S. 184) sei, ein Konzept, das offenbar als positiv von dort behandelten Patienten wahrgenommen wird.

Der Autor behandelt im zehnten Kapitel Tiefe Erkenntnisse die Chancen, welche die KI bei der Entwicklung neuer Arzneimittel und neuer Behandlungsmethoden bietet, um sich dann im elften Kapitel einem Thema größter Alltagsrelevanz zu widmen: der Ernährung. Ernährung ist eminent wichtig, aber auch individuell und für eine „individuelle Ernährung müssen alle, aber auch wirklich alle Daten berücksichtigt werden, die es über die Person gibt“ (S. 231). Wenig verwunderlich liegt hierin wieder ein Applikationsgebiet der KI, auf dem schon diverse Unternehmen unterschiedliche Ansätze ausprobieren.

Eine große Wichtigkeit misst Topol der Idee eines virtuellen medizinischen Assistenten bei, der er das zwölfte Kapitel widmet. Virtuelle medizinische Assistenten können laut ihm Menschen im Alltag helfen und bei medizinischen Entscheidungen und bei der Prävention von Krankheiten unterstützen.

Im letzten Kapitel unterstreicht der Autor nochmals worum es ihm wirklich geht: das ist weniger die KI als solche, sondern die Entlastung, die sie Ärzten bringen kann. Es geht Topol auch nicht um einen digital-verspielte KI-gestützte Welt, sondern darum dem Ärzteberuf und der Arzt-Patient-Beziehung wieder mehr Sinn zu geben. Damit schließt er den Bogen, den er im ersten Kapitel zu spannen begonnen hat:

Wir müssen das Primat der menschlichen Bindung wieder herstellen, während Künstliche Intelligenz vermehrt Aufgaben in der Diagnostik und medizinischen Praxis übernimmt.

S. 275

Diskussion

Kurzweilig präsentiert Eric Topol in seinem Buch Deep Medicine die Fortschritte der letzten Jahre im Bereich der künstlichen Intelligenz im Allgemeinen und der KI im Applikationsbereich der Medizin im Speziellen. Er lotst dabei den Leser mit sicherer Hand durch ein Meer von technischen und medizinischen Begriffen, von Produkt- und Firmennamen, bleibt dabei aber trotzdem fokussiert und verständlich.

Optimistisch und zugleich kritisch zeigt er, was alles heute schon machbar ist und woran viele Teams weltweit arbeiten und wohin die Reise führen kann und teilweise mit großer Wahrscheinlichkeit führen wird. Dabei ist für Topol KI nicht Selbstzweck, sondern eine Möglichkeit die Medizin humaner zu machen. KI soll den Ärzten Arbeit abnehmen, wodurch diese mehr Zeit für ihre Patienten haben sollen, was zu einer stärkeren Arzt-Patient-Beziehung führen soll, von der letztendlich alle profitieren werden. „Präsenz. Empathie. Vertrauen. Fürsorge. Menschlichkeit.“ fordert Topol auf Seite 280 (eigene fette Hervorhebung) – nur eine Hinwendung der Ärzte und Pfleger zu diesen Eigenschaften können die von Topol als katastrophal beschriebene Lage im amerikanischen Gesundheitswesen nachhaltig verbessern und dem Arzt- und Pflegeberuf (wieder) einen nachhaltigen Sinn verleihen.

Topol ist nicht naiv: er weiß, dass Technologie allein nicht das Gesundheitswesen verbessern wird. Dafür sind die Probleme viel zu umfassend und tiefgründig (vgl. S. 13f. und S. 262), aber er hofft, dass der KI dabei eine unterstützende Rolle zukommen kann. Den Rest müssen jedoch die Ärzte selbst machen: notfalls müssen sie zu Aktivisten werden und gegen die Missstände und gegen aufkommende Widerstände interessierter Parteien ankämpfen (vgl. S. 262). Geänderte Schwerpunkte in der medizinischen Ausbildung sollen zu neuen Ärzte-Generationen führen, die einerseits empathischer sind, andererseits aber auch die Grundlagen künstlicher Intelligenz und neuronaler Netze beherrschen.

Verbesserungen im amerikanischen (und nicht nur) Gesundheitssystem sind nach den von Topol geschilderten Zuständen dringend nötig. Nur ein Beispiel von vielen die im Buch zu finden sind: während 1975 für einen Erstbesuch beim Arzt noch 60 Minuten veranschlagt wurden und Folgebesuche 30 Minuten dauerten, ist heutzutage die Dauer eines Erstbesuches auf 12 Minuten und die eines Kontrollbesuches auf 7 Minuten geschrumpft (vgl. S. 24). Dass sowohl Ärzte aber auch Patienten unter dieser Entwicklung leiden, ist selbstverständlich.

Diese Zustände zu ändern wird jedoch viel Zeit in Anspruch nehmen und es wird den Änderungswilligen viel Geduld und Ausdauer abverlangen. Ob dabei die KI, die von Topol erhoffte Wirkung in der Medizin entfalten wird, ist möglich, Skepsis ist jedoch angebracht. Der Autor schreibt selbst, bleibt dabei aber trotzdem optimistisch, dass

[e]ine höhere Effizienz und verbesserte Abläufe […] entweder dazu genutzt werden [können], Klinikern noch mehr abzuverlangen als bisher, oder aber dazu, den Patienten endlich wieder mehr Zeit zu schenken […].

S. 28

Unabhängig von den weiteren Entwicklungen ist es Eric Topol gelungen ein spannendes Buch über KI in der Medizin zu schreiben, das von einer zutiefst humanistischen Weltsicht zeugt und das den Leser zum Denken anregt.


[i] In diesem Zusammenhang empfehle ich Kahnemans Buch Thinking, Fast and Slow (hier können Sie die Rezension des Buches auf nososo lesen.)

[ii] Im Nachwort der deutschen Ausgabe findet der Leser eine ergänzende Geschichte der KI des Professors Jürgen Schmidhuber.


Zum Autor

Eric Topol ist US-amerikanischer Kardiologe, Genetiker und Autor und einer der zehn meistzitierten Mediziner.

Eric Topl hat drei Bestseller publiziert, unter welchen auch Deep Medicine zählt und ist ebenfalls Autor, Koautor oder Herausgeber vieler weiterer Publikationen.

Weiterführende Informationen über den Autor:

Quelle: Die Informationen über den Autor sind dem oben referenzierten Wikipedia-Artikel entnommen – letzter Zugriff 20.08.2020.


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Petre Sora

Petre Soras Interessen sind vielfältig und befinden sich an der Schnittstelle zwischen Mensch und Informationstechnologie. Als studierter Psychologe und Software Engineer war er sechs Jahre als Java-Entwickler in mehreren Unternehmen tätig. Mit der Gründung der Rezensionsplattform nososo hat er sich entschieden eigene Wege zu gehen.

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