Klostermeier, Haag, Benlian: Geschäftsmodelle digitaler Zwillinge

Klostermeier, Haag, Benlian: Geschäftsmodelle digitaler Zwillinge

Robin Klostermeier, Steffi Haag, Alexander Benlian
Geschäftsmodelle digitaler Zwillinge: HMD Best Paper Award 2018

1. Auflage
2020, XI, 29 Seiten, PDF
Springer Vieweg
ISBN: 978-3-65828-353-7

Informationen zum Buch im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.



In der explorativen Studie Geschäftsmodelle digitaler Zwillinge untersuchen Robin Klostermeier, Steffi Haag und Alexander Benlian wie sechs deutsche Unternehmen die Thematik des digitalen Zwillings angehen und wie diese digitale Zwillinge in ihre Geschäftsmodelle integrieren oder als Grundlage neuer Geschäftsmodelle verwenden, um davon technologisch und wirtschaftlich zu profitieren.
Veröffentlicht in der essensials-Reihe des Springer Vieweg Verlags, wurde die Arbeit mit dem HMD Best Paper Award 2018 der Zeitschrift HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik ausgezeichnet.


Struktur

Stefan Meinhardt, Mitherausgeber der Zeitschrift HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik hat das Geleitwort der Studie geschrieben. Darin hebt er die Qualitäten des Artikels hervor und erläutert die Gründe für die Auszeichnung des Papers mit dem HMD Best Paper Award 2018.

Es ist hervorzuheben, dass die Studie Geschäftsmodelle digitaler Zwillinge die klassische Struktur wissenschaftlicher Artikel aufweist, als was sie sich auch versteht.

In der Einleitung Geschäftsmodelle digitaler Zwillinge erklären die Autoren kurz die Bedeutung des Konzepts des digitalen Zwillings und präsentieren die Struktur des Papers. Es folgt der Abschnitt Forschungshintergrund, in dem der aktuelle Forschungsstand zum Thema digitale Zwillinge und die Anwendungsbereiche desselben dargelegt werden. Das Thema Geschäftsmodelle wird kurz angegangen. Dabei wird das Business Canvas Modell beschrieben. Der Abschnitt Forschungsmethode und Vorstellung der Fallunternehmen stellt die durchgeführte explorative Studie und die daran teilnehmenden Unternehmen vor. Die Ergebnisse nehmen den größten Teil des Artikels ein und werden in vier Blöcken zusammengefasst. Der Artikel endet mit Implikationen für Forschung und Praxis.

Inhalt

Geschäftsmodelle digitaler Zwillinge

In der kurzen Einleitung definieren die Autoren das Konzept des digitalen Zwillings (im Englischen „digital twin“) als „das virtuelle Abbild eines real existierenden Gegenstands“ (S. 1). Das Konzept soll erstmals im Jahre 2010 von Forschern der NASA in einem Artikel verwendet worden sein. Die Idee ist jedoch viel älter. Dies wird anhand eines Beispiels veranschaulicht: für die Apollo-Mission wurde ein zweites, real existierendes Raumfahrzeug zur Vorbereitung und zu Test-Zwecken gebaut. Ähnlich werden heutzutage digitale Modelle realer Objekte entwickelt.

Laut der Autoren sind die Anwendungsbereiche sowie die ökonomischen Aspekte der digitalen Zwillinge noch unzureichend erforscht. Ihre Studie soll dabei helfen neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Forschungshintergrund

Im zweiten Kapitel führen die drei Autoren mehrere Definitionen des digitalen Zwillings an (die der NASA und die des Frauenhofer Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik) und fassen folgende Anwendungsbereiche des digitalen Zwillings aus der Literatur zusammen (vgl. S. 5):

  • Unterstützung der Entwicklung und der Nutzung eines Produktes durch Simulation in der Luft- und Raumfahrtechnik
  • Einsatz innerhalb des Produktlebenszyklus (z.B. Produktdesign und -entwicklung)
  • Simulationstechnologie

Als „Mindestdefinition“ des digitalen Zwillings – wie sie im vierten Kapitel genannt wird – geben die Autoren Folgendes an (Kursivschrift im Original):

das individuelle, virtuelle Abbild eines physischen Objektes oder Prozesses, welches die vom physischen Objekt bereitgestellten Daten intelligent für verschiede Anwendungsfälle nutzbar macht.

S. 3

Das Ziel der Untersuchung ist es herauszufinden welche Geschäftsmodelle auf digitale Zwillinge begründet oder wie bestehende Geschäftsmodelle erweitert werden können. Als Grundlage dient die Definition des Geschäftsmodells von Wirtz et al. (2016), wonach ein Geschäftsmodell als „Repräsentation wesentlicher Aktivitäten zur Erzeugung von Produkten, Wissen oder Dienstleistungen“ (S. 5) verstanden wird.

Das Business Canvas Modell wird als „[e]ines der bekanntesten und umfassendsten Systeme“ (S. 5) für die Entwicklung und Visualisierung von Geschäftsmodellen kurz beschrieben.

Forschungsmethode und Vorstellung der Fallunternehmen

Die Autoren verwenden für ihre Studie eine Auswahl von sechs deutschen Unternehmen mit unterschiedlichen Merkmalen, um so einen „Querschnitt“ zu bilden.

So wurden

  • ein Technologiekonzern,
  • ein Softwarekonzern,
  • ein mittelständisches Unternehmen,
  • ein Start-Up,
  • sowie ein Automobilkonzern ausgewählt.

Basierend auf Experteninterviews und Inhaltsanalyse von frei zugänglichen Unternehmensdokumenten wird untersucht, wie der Begriff des digitalen Zwillings interpretiert wird und wie er in den Geschäftsmodellen dieser Firmen zum Ausdruck kommt.

Ergebnisse

Die Autoren finden heraus, dass es zwar einen Grundkonsens bezüglich des digitalen Zwillings gibt, der Begriff jedoch in der Praxis doch unterschiedlich verstanden und interpretiert wird. Eine wichtige Erkenntnis der explorativen Studie zeigt, dass

ein Zusammenhang zwischen strategischer Ausrichtung bzw. dem Kerngeschäft eines Unternehmens und der Schwerpunktlegung bei der Definition des digitalen Zwillings besteht.

S. 11

Die Produktkategorien (z.B. Einsatz von sogenannten virtuellen Sensoren oder Machine Learning-Ansätze) digitaler Zwillinge hängen – wie zu erwarten – mit dem Verständnis des Konzeptes in den einzelnen Unternehmen ab sowie mit deren Kerngeschäfte zusammen.

Laut der Studie stellt der digitale Zwilling als Geschäftsmodell noch viele Herausforderungen für die Unternehmen dar. Vor Allem die Vermittlung des Nutzens in Bezug auf die verursachten Kosten gegenüber Kunden ist schwierig. Hier werden Kooperationen oder Partnerschaften zwischen den Unternehmen empfohlen um Kompetenzen aufzubauen und auch um „den Wertbeitrag durch den Einsatz digitaler Zwillinge auszuschöpfen“ (p. 17). Wegen hoher Investitionssummen sind digitale Zwillinge überwiegend im B2B-Bereich anzutreffen und die Autoren stellen fest, dass „sich das Geschäft mit dem digitalen Zwilling noch in einer sehr frühen Phase befindet“ (p. 18).

Implikationen für Forschung und Praxis

Im letzten Abschnitt des Papers fassen die Autoren die wichtigsten sechs Erkenntnisse der Studie zusammen. Außer praxisrelevante Aspekte, werden auch mögliche Wege gezeigt, wie weitere wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema digitale Zwillinge beitragen können.

Diskussion

Der Inhalt dieser Studie (abzüglich zweier Fallbeispiele) wurde erstmals als Artikel in der Zeitschrift HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik im Jahre 2018 veröffentlicht. Ebenfalls ist der Text als Buchkapitel in Digitale Geschäftsmodelle – Band I herausgegeben im Jahre 2019 von Stefan Meinhardt und Alexander Pflaum publiziert worden.

Die Studie kann eine geeignete Informationsquelle für Studierende, aber auch für andere Kategorien von Lesern sein, die einen schnellen Einblick in das Thema digitale Zwillinge erhalten möchten. Es ist sicherlich interessant, einen Überblick zu bekommen wie (manche) Unternehmen digitale Zwillinge einsetzen, auf welche möglichen Probleme sie stoßen können oder welche Vorteile sie sich durch den Einsatz erhoffen.

Den Autoren ist jedoch bewusst, dass die Ergebnisse ihrer Fallstudie nicht verallgemeinert werden können. Sie beschreiben dabei sehr akkurat den Mehrwert, den ihre Arbeit bietet: es ist eine „Sondierung des Themengebiets digitaler Zwillinge (vgl. S. 21).

Die Thematik ist jedoch höchst aktuell und dies wird auch so bleiben, vor allem für Unternehmen, die eine klare Vision für die Zukunft und die notwendigen Ressourcen diese umzusetzen haben.


Zu den Autoren

Robin Klostermeier hat seinen Master im Bereich Industrial Engineering an der Technischen Universität Darmstadt abgeschlossen und arbeitet als Business Consultant.

Steffi Haag ist Inhaberin der Juniorprofessur für Wirtschaftsinformatik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Alexander Benlian ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Dekan im Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt.

Quellen: Die Information über Steffi Haag ist ihrer Profilseite auf der Website der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entnommen – letzter Zugriff am 25.04.2020. Die Information über Alexander Benlian ist seiner Profilseite auf der Website der Technischen Universität Darmstadt entnommen – letzter Zugriff am 25.04.2020.


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Iuliana Ancuţa Ilie

Iuliana Ancuţa Ilie is a Research Assistant in the areas Intercultural Management and Management Accounting at Pforzheim University. With an interdisciplinary background in literary studies and international business administration she publishes in academic journals and books on subjects such as cross-cultural management, international human research management and diversity management.

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