Tom DeMarco, Timothy Lister: Bärentango (Waltzing With Bears)

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Tom DeMarco, Timothy Lister
Übersetzung: Doris Märtin
Bärentango: Mit Risikomanagement Projekte zum Erfolg führen
(Englischer Titel: Waltzing with Bears: Managing Risk on Software Projects)

2003, XVI, 218 S., Kartoniert
Carl Hanser Verlag
ISBN: 3-446-22333-9

Informationen zum Buch im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.



Locker und angenehm ist die Lektüre von DeMarcos und Listers Buch über Risikomanagement mit dem etwas eigenwilligen Titel Bärentango. Der „willige“ Leser dürfte – abhängig auch von seiner Erfahrung – so manches daraus lernen, der „unwillige“ wohl eher nicht. Die Art, wie wir mit Risiken umgehen, beruht ja oft weniger auf mangelndem Wissen als auf kulturellen Gegebenheiten. Man darf sich somit nicht der Illusion hingeben, dass dieses (oder ganz gleich welches andere Buch über Risikomanagement) tief verwurzelte Verhaltensweisen einfach so ändern kann.


Struktur und Inhalt

Bärentango: Mit Risikomanagement Projekte zum Erfolg führen (englischer Titel: Waltzing with Bears: Managing Risk on Software Projects) ist in fünf Teile, einem Prolog und zwei Anhänge gegliedert.

Warum? ist der schlichte Titel des ersten Teils des Buches – warum braucht man so etwas wie Risikomanagement und was ist das überhaupt –, das sind die Fragen, denen die Autoren im ersten Teil nachgehen. Verwundert es, wenn auf Warum? im zweiten Teil Warum nicht? folgt? Nein, es ist nur folgerichtig, aber eins nach dem anderen.

Was ist nun ein Risiko? Im zweiten Kapitel geben die Autoren zwei mögliche Bedeutungen des Wortes „Risiko“ an: Risiko ist entweder ein unerwünschtes Ereignis und/oder die Ursache desselben (vgl. S. 11). Die Definition ist vorläufig, die endgültige Präzisierung erfolgt erst im elften Kapitel. Laut der endgültigen Definition ist ein Risiko „ein gewichtetes Muster möglicher Ereignisse und die damit verbundenen Folgen“ (S. 86). Man merkt, dass zwischen Seite 11 und Seite 86 noch manches passieren wird.

Das Risikomanagement ist dafür zuständig die Ursachen der unerwünschten Ereignisse zu managen (vgl. S. 11), oder anders ausgedrückt: Risikomanagement ist „Projektmanagement für Erwachsene“ (S. 9), da es einen gewissen Grad an Erwachsensein benötige, Risiken als solche zu akzeptieren und sie auch entsprechend zu verwalten. Da Risiken aber im Prinzip etwas Gutes sind – Risiken werden als Chancen betrachtet – gilt es diese nicht zu vermeiden, sondern eben zu managen (vgl. 3ff.).

Gegen das Betreiben von Risikomanagement kann so manches sprechen – und damit gehen wir zum zweiten Teil über –, die Autoren lassen aber ein einziges Argument gelten und nennen alles andere „Ausreden“ (S. 39). Das einzig gültige Argument gegen Risikomanagement ist demnach, dass man dieses nicht im Alleingang gegen die eigenen Kollegen betreiben kann (vgl. auch S. 39).

Der dritte Teil – der Titel ist fast schon vorhersehbar, Wie? lautet er – zeigt auf etwas über hundert Seiten, wie die Risiken konkret gemanagt werden können. Wie identifiziert man diese, wie quantifiziert man sie, wie stellt man sie dar, und welche sind die Implikationen auf den Fertigstellungstermin der Software. Kapitel 10 fasst ein „Rezept für Risikomanagement“ zusammen, das in Kapitel 22 – im vierten Teil also – noch etwas „verfeinert“ wird.

Die schon zitierte „endgültige Definition“ dessen, was die Autoren unter Risiko verstehen, hat mit der Darstellung des Risikos zu tun. Deshalb ist das Risiko ein „Muster“, das potenzielle Ereignisse, die Folgen auf den Fertigstellungstermin haben, darstellt (vgl. S. 84ff.).

Teil vier geht der Frage Wie viel? nach, d.h. wie viel Risiko lässt sich angesichts des zu erwartenden Nutzens rechtfertigen. Der fünfte Teil (betitelt Ja oder nein) umfasst lediglich ein kurzes Kapitel, das eine Check-Liste enthält, anhand derer man feststellen kann, ob tatsächlich in einer Firma Risikomanagement betrieben wird. Die Autoren nennen die Liste den „Haben-wir-wirklich-Risikomanagement-betrieben-Test“ (S. 188).

Der Bärentango endet mit zwei Anhängen: The Ethics of Belief, Teil 1 einem Essay von William Kingdon Clifford und einem Risikoformular als Anhang B. Clifford, englischer Philosoph und Mathematiker des 19. Jahrhunderts, stellt in dem angehängten Text fest, dass es „überall und für Jeden schlecht [sei], irgend etwas auf ungenügende Beweise hin für wahr zu halten“ (S. 198). Auf diesem Postulat Cliffords begründen DeMarco und Lister im Prolog die Notwendigkeit Risikomanagement zu betreiben (vgl. auch S. XVI), worin auch das anhängen von Cliffords Essay begründet ist.

Diskussion

Wie schon Peopleware: Productive Projects and Teams (deutscher Titel der dritten Ausgabe: Wien wartet auf Dich!: Produktive Projekte und Teams), ein weiteres Buch des Autorenduos DeMarco und Lister, zeichnet sich auch Bärentango: Mit Risikomanagement Projekte zum Erfolg führen durch einen lockeren und leicht zugänglichen Stil aus. Hinter dem lockeren Stil steckt aber auch genügend Substanz: Die Objekte der Untersuchung – also Risiko und Risikomanagement – werden am Anfang definiert, es wird ferner gezeigt, weswegen Risikomanagement sinnvoll ist, wie Risikomanagement in der Praxis aussehen kann und wie man erkennt, ob Risikomanagement in einer Firma betrieben wird. Trotz der insgesamt recht angenehmen Lektüre fehlt aber etwas.

Wir haben im zweiten Kapitel gesehen, Risikomanagement soll „Projektmanagement für Erwachsene“ sein und diese „Definition“ erscheint mir in ihrer provokativen Prägnanz hervorragend. Es erfordert Reife die Welt so sehen zu wollen, wie sie ist (vgl. S. 9). In der Softwarebranche – und nicht nur – fehlt diese Reife weiterhin viel zu oft. Manchmal fehlt auch einfach der Anreiz die vorhandene Reife zu leben. Den Autoren ist dieses auch bewusst und sie sprechen das Thema auch immer wieder an. Ein Beispiel: „Risikoentdeckung steht im Widerspruch zu den ungeschriebenen Geboten unserer Unternehmenskultur“ (S. 124). Was will man da noch mit ein bisschen Mathematik, ein paar Grafiken und einem Tropfen rationalerer Risikobetrachtung (oder Erwachsensein?) in einem Meer von tief verwurzelten kulturellen Angewohnheiten?

Aber das ist ja nicht die „Schuld“ der Autoren. Der „willige“ Leser dürfte – abhängig auch von seiner Erfahrung –, so manches aus diesem Buch lernen, der „unwillige“ wohl eher nicht. Die Art, wie wir mit Risiken umgehen, beruht ja oft weniger auf mangelndem Wissen als auf kulturellen Gegebenheiten. Man darf sich somit nicht der Illusion hingeben, dass dieses (oder ganz gleich welches andere Buch über Risikomanagement) tief verwurzelte Verhaltensweisen einfach so ändern wird oder kann. Deswegen hängt es gewissermaßen auch von der „Willigkeit“ des Lesers und der Kultur des Unternehmens in dem dieser agiert, ob das im Buch enthaltene Wissen fruchten kann oder nicht.

Vielleicht hätte eine eingehendere Analyse psychologischer und organisationsbedingter Einflüsse auf das Risikoverhalten der Projektbeteiligten zu mehr Tiefe geführt. Vielleicht hätte eine vergleichende Betrachtung unterschiedlicher Kulturen hinsichtlich ihres Umgangs mit Risiken zu mehr Breite geführt. Es gibt diverse Projekte, die beschrieben werden, aber vielleicht hätten mehr Beispiele zu einer lehrreicheren Lektüre geführt. Insgesamt fällt es mir schwer genau zu sagen, was dem Buch fehlt. Wie dem auch sei, mein Fazit lautet: Bärentango ist zwar ein nettes Buch, der Schreibstil ist durchaus ansprechend, insgesamt finde ich es auch relativ interessant aber vielleicht doch etwas oberflächlich.


Zu den Autoren

Tom DeMarco

Tom DeMarco (geboren 1940) ist ein bekannter US-amerikanischer Softwareentwickler, Berater und Autor. Er ist hauptsächlich als (Mit-)Erfinder der Strukturierten Analyse und als Autor von Peopleware (geschrieben zusammen mit Timothy Lister) und Der Termin: Ein Roman über Projektmanagement bekannt.

Publikationen (Auswahl)

Tom DeMarco ist ein sehr produktiver und auch erfolgreicher Autor. Im Folgenden sind einige ausgewählte Buchtitel aufgelistet:

  • 1978. Structured Analysis and System Specification. Yourdon.
  • 1987. Zusammen mit Timothy Lister. Peopleware: Productive Projects and Teams. Dorset House Pub. Co. (zweite Auflage in 1999 bei Dorset House Pub.; dritte Auflage 2013 bei Addison-Wesley).
    Deutsche Ausgabe: Wien wartet auf Dich!: Der Faktor Mensch im DV-Management. Hanser, 1991. (zweite Auflage 1999, ebenfalls bei Hanser; dritte Auflage 2014, ebenfalls Hanser mit leicht geendertem Titel: Wien wartet auf Dich!: Produktive Projekte und Teams).
  • 1995. Why Does Software Cost so Much?: And Other Puzzles of the Information Age. Dorset House Pub.
    Deutsche Ausgabe: Warum ist Software so teuer? Und andere Rätsel des Informationszeitalters. Hanser, 1997.
  • 1997. The Deadline: A Novel About Project Management. Dorset House Pub.
    Deutsche Ausgabe: Der Termin: Ein Roman über Projektmanagement. Hanser, 1998.
  • 2001. Slack: Getting Past Burnout, Busywork, and the Myth of Total Efficiency. Broadway Books.
    Deutsche Ausgabe: Spielräume: Projektmanagement jenseits von Burn-out, Stress und Effizienzwahn. Hanser, 2001.
  • 2003. Zusammen mit Timothy Lister. Waltzing with Bears: Managing Risk on Software Projects. Dorset House Pub.
    Deutsche Ausgabe: Bärentango: Mit Risikomanagement Projekte zum Erfolg führen. Hanser, 2003.

Timothy Lister

Timothy Lister ist ebenfalls ein bekannter US-amerikanischer Softwareentwickler, Berater und Autor. Sein bekanntestes Buch dürfte Peopleware: Productive Projects and Teams sein, das er zusammen mit Tom DeMarco geschrieben hat.

Quellen: Die Informationen über die beiden Autoren sind den entsprechenden Wikipedia-Artikeln entnommen. Angaben der Publikationen gemäß den Katalogen der Library of Congress und der Deutschen Nationalbibliothek. Letzter Zugriff: 21.09.2021.


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Petre Sora

Petre Soras Interessen sind vielfältig und befinden sich an der Schnittstelle zwischen Mensch und Informationstechnologie. Nachdem er sein Bachelorstudium im Fach Psychologie abschloss, orientierte er sich neu und studierte Software Engineering an der Hochschule Heilbronn, ebenfalls mit einem Bachelor abgeschlossen. Anschließend war er knappe sechs Jahre als Java-Entwickler in mehreren Unternehmen tätig. Aktuell ist er mit dem Masterstudium der Praktischen Informatik und der Rezensionsplattform für IT-Fachbücher nososo.de beschäftigt.

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